Gesundheitsnachrichten 06/2006
Mit Flip-Flops ins Labor
Nachwuchsförderung am Rostocker Institut für Regenerative Medizin und Stammzelltherapie
Die Schülerinnen sind leicht bekleidet – kein Wunder. Es ist Freitagnachmittag und der Sommer ist ausgebrochen.. Aber die 18-Jährigen gehen nicht zum Strand wie ihre gleichaltrigen Mitschüler. Nein, heute stehen wieder zwei Stunden Forschung auf dem Programm. In diesem Semester arbeiten die insgesamt 24 Zwölftklässler des Friderico-Francisceum- Gymnasiums aus Bad Doberan im Labor des Rostocker Instituts für Regenerative Medizin und Stammzelltherapie (IRMED e.V.). Zunächst heißt es für die Schülerinnen einen Kittel und Handschuhe überzuziehen. „Puh“, stöhnt Anke Schulz, „ganz schön heiß.“
Dr. Wenzhong Li weist die Schülerinnen direkt in ihre heutige Arbeit ein und verteilt eine Versuchsanordnung. Konzentriert lauschen sie den Ausführungen des wissenschaftlichen Mitarbeiters. Nicht nur, dass es um DNA geht, das alles auch noch auf Englisch. Sie haben sich daran gewöhnt. „Keiner hat das vorher durchgeführt“, sagt der 38-jährige Ingenieur, „ich weiß nicht, ob es erfolgreich wird.“ Stefanie Hoppe will gleich loslegen: „Lass es uns versuchen.“ Und für Maria Bilo steht fest: „Er braucht unsere Forschungsergebnisse.“
Anke Schulz erklärt noch einmal, was sie eigentlich heute vorhaben: „Magnetpartikel sollen mit Genen eingeschleust werden, damit man sie an bestimmte Stellen im Körper lotsen kann. Und wir untersuchen heute, wie wir mit diesen Partikeln umgehen müssen, wie viel DNA vorhanden ist.“ Außerdem wollen sie erfahren, wie Stammzellen sich an Zellen binden und wie sie im Körper manipuliert werden können.
„Sie sollen verstehen, warum etwas so ist“, sagt Dr. Wenzhong Li. Der Prozess an sich sei interessant. Er ist glücklich über seine Schützlinge. „Sie sind sehr klug und haben gute Fragen. Manchmal kann ich sie nicht beantworten“, lobt der Ingenieur. Klar, es sei schwierig an einer Sache langfristig zu arbeiten, wenn die Schüler nur alle vierzehn Tage da sind. Aber mehr könne das Labor nicht verkraften. Eine Schülerin hat sich für die Sommerferien bereits zum Praktikum angemeldet.
Professor Gustav Steinhoff verspricht sich von dem landesweit einmaligen Forschungsprojekt „einen unbelasteten Blick von außen und wertvolle Kritik.“ Wissenschaftler seien nicht frei von „befangenem, dogmatischem Denken“ und da helfe es, wenn Laien mit bestimmten Fragen dieses Denken durchbrechen. Langfristig, so hofft der Direktor Klinik für Herzchirurgie an der Universität Rostock, entwickle sich vielleicht sogar guter Nachwuchs. „Wir müssen Forschung frühzeitig vermitteln“, findet der Vorstand des Instituts für regenerative Medizin. Das Training für wissenschaftliches Denken fange in Deutschland viel zu spät an. „Die kreative Phase der Wissenschaftler ist vor dem 30. Lebensjahr“, sagt der 47-Jährige. Steinhoff will diesen „Dialog mit Schülern“ als Modell weiter fortsetzen und hofft damit Brücken zu schlagen und Interesse zu wecken.
Das Institut für Regenerative Medizin und Stammzelltherapie und die in Bergisch-Gladbach und Teterow ansässige Firma Miltenyi Biotec GmbH entwickeln Verfahren zur Regeneration von zerstörtem Herzgewebe – zur Heilung von Patienten mit Herzinfarkten. Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes arbeitet seit Januar eine Gruppe internationaler Wissenschaftler an Verfahren zur Anzüchtung von Herzgewebe durch die Stammzelltherapie. Das Projekt mit einem Gesamtvolumen von 2,4 Millionen Euro wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Langfristig soll sich Rostock zum führenden Zentrum für kardiale Stammzelltherapie entwickeln.
Hat ein Infarkt das Herzgewebe angegriffen, bleibt es irreparabel zerstört. Dies wurde von Forschern und Medizinern lange akzeptiert. „Heute lässt sich diese Annahme aber nicht mehr halten“, sagt Professor Dr. Gustav Steinhoff. Die Stammzelltherapie brachte den Beweis, dass sich auch Herzgewebe regenerieren kann. „In einer klinischen Studie wurden 55 Infarkt-Patienten behandelt. Durchschnittlich konnte die Herzfunktion langfristig um zehn Prozent verbessert werden, bei schlechter Pumpfunktion um mehr als fünfzehn Prozent.“
Eine solche Behandlung wurde in Rostock weltweit erstmals durchgeführt. Bislang, so Professor Steinhoff, erzielten Wissenschaftler Erfolge mit der Behandlung nach akuten Herzinfarkten. „In Rostock gelang es zum ersten Mal, Stammzellen bei einer Bypassoperation direkt in den Herzmuskel zu injizieren.“ Die Behandlung verspreche nicht nur Hilfe für Patienten mit akutem, sondern erstmals auch denen mit chronischem Infarkt.
Maria Bilo wollte schon lange in die Laborarbeit hereinschnuppern. Dies sei das einzige Labor, das Schüler nehme, berichtet die Nachwuchswissenschaftlerin. „Sonst bin ich immer abgewimmelt worden“, erzählt Maria, die Biologie oder Medizin studieren will. „Am liebsten Biologie“, sagt die 18-Jährige, die Stammzellenforschung als ihren Traum angibt, „Medizin ist zwar das Studienfach schlechthin, aber Biologie ist interessanter.“ Schließlich habe sie da mehr mit Organismen als mit Menschen zu tun.
Für ein Medizinstudium, bedauert Katharina Gerschler, seien ihre Noten zu schlecht. Dennoch findet sie es faszinierend, Laborluft zu schnuppern. Die „Sauberkeit“ hat sie beeindruckt. Anke Schulz hat sich bereits für einen dualen Ausbildungsgang „Pflegemanagement“ beworben. „Forschen“, so vermutet sie, „ist vielleicht zu monoton.“ Aber das Zertifikat, das am Ende des halbjährigen Laborbesuchs winkt, halten alle für wichtig. „Ich habe kein einziges Mal gefehlt“, betont Maria Bilo.
Einen Tipp gibt Dr. Wenzhong Li den Nachwuchswissenschaftlerinnen noch mit auf den Weg und weist auf die Gefahr von Verletzungen hin: „Beim nächsten Mal bitte nicht mit Flip-Flops ins Labor!“
Renate Heusch-Lahl |